Ich will eine Katze, ... aber ein ganz kleine

"Ich will ein Kätzchen - nicht älter als 6 Wochen!"

Diese Aussage hören wir Züchter öfter mal am Telefon und jedes mal sträuben sich uns die Haare; nicht nur die im Nacken.
Auf die Frage, warum in aller Welt sie denn ein so kleines Baby haben wollen antworten die meisten, die älteren würden ja nicht mehr zahm.
WIE BITTE? HALLO??

Zuerst einmal sei gesagt, dass derjenige, der bei einem seriösen Züchter anruft, ziemlich sicher sein kann, ein gut sozialisiertes, zahmes (wahrscheinlich im Bett schlafendes) Kitten erwischt. In einem Seriösen Züchterhaushalt verbringen die Kitten die ersten 12 Wochen ihres Lebens zusammen mit den anderen Hausbewohnern - Katzen, zum Teil Hunden UND sämtlichen Menschen. Hier lernen sie Umgang und Sozialverhalten.

Werfen wir einen Blick auf die Entwicklung eines Kitten:

Die ersten 3-5 Wochen (je nach Rasse und Wurf"form") verbringt die Brut bei Mama in der Wurfkiste. Hierbei lernen sie - zumindest bei den Züchtern, die ich kenne - nicht nur die leibliche Mama kennen. Oma, Schwester, Freundin, Onkel - sie alle stecken ihre Fellnasen in die Wurfkiste, und - je nachdem - helfen sie bei der Brutpflege oder verdünnisieren sich angewidert (Heiliger! Schon wieder so'n Kleinzeug! Nix wie weg!). Bei mir z.B. kümmert sich da (außer mir natürlich) noch Tante Desi um das Wohlergehen der Kitten und auch Papa oder (je nachdem) Onkel Speedy verweilt gern einmal in der Kiste und hilft beim Putzen und Warmhalten. Schließlich braucht auch die Mama mal ne Pause.
Schon hier wird der Grundstein für die Sozialisierung der Kitten gelegt.

So ab der 4./5. Woche geht’s dann richtig los. Die Babys sind immer mehr auf Achse und erkunden Umfeld und Mitbewohner. Sie lernen innerhalb kürzester Zeit unglaublich viel. Zum Beispiel hat nicht jede Mitkatze es gern, von hinten überfallen zu werden und auch Papa oder Onkel können sich wehren, wenn man Milch an einer Stelle sucht, wo garantiert keine zu finden ist. Einer der ersten Aha-Effekte ist, dass, wenn man dreimaliges Fauchen konsequent ignoriert, man eine gelangt kriegt. Ohne Krallen, mitten auf den Kopf. Mit jedem weiteren Tag lernen die Kitten nun die Sprache und Verhaltensweise ihrer Artgenossen und "nebenbei" auch die der Menschen. Bis ca. zur 8./9. Woche haben die Kleinen irrsinnig viel zu lernen und unglaublich viele Termine. So viele, dass sie kaum um den Menschen kümmern.
Außer, dass sie meist mit im Bett pennen, haben sie mit den Dosenöffnern noch nicht sehr viel am Hut. Klar, wenn man so viel lernen muss, oder?
Ab der 8./9. Woche geht aber auch das langsam los. Die Kitten schließen sich den Menschen mehr und mehr an. Spielen, Kraulen, als Kratz- und Kletterbaum nutzen - sie bekommen allmählich heraus, dass die Dosenöffner nicht nur zum Dosen öffnen und auf-den-Schwanz-latschen gut sind. Auch die dunklen Seiten der trampelnden Riesen lernen sie nun kennen. Wieso werde ich angemacht, wenn ich die Tapeten und Gardinen hoch laufe?? Und was, bitte, ist so falsch daran, meine Krallen am Sofa zu wetzen? Warum werde ich nass dabei?
Mit ca. 12 Wochen haben die Lütten dann soviel von Artgenossen und Mitbewohnern gelernt, dass man sie unbesehen in ein neues Zuhause ziehen lassen kann - OHNE dass es dort zu größeren Eklats kommen dürfte. Klar, Erziehungsmaßnahmen von Seiten der neuen Dosenöffner sind nun auch noch von Nöten - schließlich sind es mit 12 Wochen immer noch Babies, die auch mal ihre Grenzen austesten wollen. Sei es bei der neuen Mitkatze oder auch den Menschen gegenüber. Aber der Grundstein in Puncto Verständnis ist gefestigt gelegt, so dass es bei der Eingewöhnung des neuen Hausgenossen weit weniger Schwierigkeiten gibt, als wenn man ein in Verhalten und Sprache völlig unwissendes Wesen integrieren wollte, was es mit 5 - 6 Wochen definitiv wäre.

Anders hingegen verhält es sich bei den wild geborenen Hauskatzen. Hier kann es durchaus vernünftig sein, das Katzenkind mit ca. 6 Wochen zu sich zu nehmen. Diese Variante, an eine Katze zu kommen, sollte aber beim neuen Dosenöffner mit fundierter Katzenerfahrung, Geduld und einem guten Schuss Humor (ob der Gardinen, des Sofas und des Klos) hinterlegt sein. Schon viel zu oft endete ein solcher, gut gemeinter Versuch für das arme Baby im Tierheim.